Klimaschutz · Stand 06.11.2026

Neubau als
Klimaschutz verbucht

Wer neu baut, verbraucht Zement, Stahl und Glas – und setzt dabei mehr CO₂ frei, als ein Gebäude in vielen Jahrzehnten Betrieb ausstößt. Trotzdem führt der Rhein-Sieg-Kreis den Neubau des Georg-Kerschensteiner-Berufskollegs in Troisdorf als einen der „Großhebel“ seines Klimaschutzes. Nach den eigenen Kennwerten der Verwaltung verursacht dieser Neubau 5.500 bis 8.200 Tonnen CO₂ mehr als eine Sanierung. Am 14.12.2026 soll der Kreistag den Maßnahmenkatalog beschließen.

Nächste Kreistagssitzung: Montag, 14.12.2026 – Beschluss über den Kreishaushalt 2027Der Entwurf liegt seit 15.10.2026 vor. Davor: Jugendhilfeausschuss 19.11., Finanzausschuss 08.12. mit Anhörung der Städte und Gemeinden, Kreisausschuss 10.12. · Fahrplan

Worum es geht

Die Kreisverwaltung will bis 2045 treibhausgasneutral werden. Der Weg dahin steht in einem Maßnahmenkatalog, den der Umweltausschuss am 02.11.2026 beraten hat.

9.281 tCO₂ hat die Kreisverwaltung 2024 ausgestoßen (Startbilanz). Ein gutes Viertel davon, 2.218 t, stammt aus Bauen und Straßenbau.
442 tmuss der Ausstoß dafür jedes Jahr sinken, bis 2045
5.500–8.200 tmehr CO₂ verursacht der Neubau in Troisdorf gegenüber einer Sanierung, nach den Kennwerten der Verwaltung (eigene Rechnung)

Maßnahmenkatalog Treibhausgasneutralität, Teilbereich Kreisverwaltung, Fassung 1.0 vom 14.10.2026 (Anhang 1 zu V 4881/26, Umweltausschuss 02.11.2026), PDF-S. 6 (442 t) und 25 (2.218 t, 9.281 t); Treibhausgasbilanz 2024 der Kreisverwaltung (Anhang 2 zu V 4848/26, Kreistag 02.07.2026), PDF-S. 4. Die Mehrbelastung ist unsere Rechnung, siehe unten. Seitenzahlen beziehen sich auf die PDF-Dateien.

Graue Emissionen

So heißt das CO₂, das beim Herstellen, Transportieren und Einbauen der Baustoffe entsteht. Es fällt einmal an, beim Bau – aber in großer Menge. Die Kreisverwaltung erfasst es in ihrer Treibhausgasbilanz, und zwar vollständig im Jahr der Fertigstellung: Die gesamten Emissionen eines Bauvorhabens werden „einmalig und vollständig im Jahr der Fertigstellung erfasst“.

Gerechnet wird mit Durchschnittswerten je Quadratmeter Bruttogrundfläche, weil projektbezogene Ökobilanzen „in der Regel“ nicht vorlagen. So rechnen wir auf dieser Seite auch – mit den Zahlen der Verwaltung.

Treibhausgasbilanz 2024, PDF-S. 28 f.

Was ein „Großhebel“ ist

„Großhebel: Maßnahme mit hoher emissionssenkender Wirkung, die zugleich hohen Kosten und Personalaufwand erfordert, zum Beispiel eine Gebäudesanierung oder ein Neubau.“
Maßnahmenkatalog, Begriffserklärungen, PDF-S. 4

Der Katalog zählt 11 solcher Großhebel. Der Neubau des Berufskollegs Troisdorf ist Nummer 4.1.

Eine Verwaltung, drei Rechenwege

Wie viel CO₂ ein Quadratmeter Neubau oder Sanierung kostet, beantwortet die Kreisverwaltung an drei Stellen dreimal anders. Nur einer der drei Rechenwege macht keinen Unterschied zwischen Neubau und Sanierung – und genau der steht in den Maßnahmensteckbriefen.

Wer rechnetNeubauSanierungNeubau : Sanierung
Gebäudewirtschaft (Amt 22), Steckbriefe der Großhebel300–500 kg/m²300–500 kg/m²1 : 1
Projektleitung Klimaschutz, Prüfung der Steckbriefe im Katalog600–900 kg/m²300–450 kg/m²rd. 2 : 1
Treibhausgasbilanz 2024, Tabelle 16550 kg/m²200 kg/m²2,75 : 1

Erste Zeile: eigene Rückrechnung aus den grauen Emissionen und Flächen der Steckbriefe 4.1, 4.2 und 4.4 (Neubau Troisdorf 5.489,40 bis 9.149,00 t auf 18.298 m² = genau 300 bis 500 kg/m²), Maßnahmenkatalog PDF-S. 37 und 65. Zweite Zeile: Maßnahmenkatalog PDF-S. 66 (Schulneubauten) und 70 (Komplettsanierungen). Dritte Zeile: Treibhausgasbilanz 2024, PDF-S. 30 (Neubau Schule/Sozialgebäude, Massivbau; Sanierung Bauteil); Verhältnis eigene Rechnung.

Die Treibhausgasbilanz und die Prüfung im Katalog kommen zum selben Ergebnis: Ein Neubau verursacht rund das Zwei- bis Dreifache einer Sanierung derselben Fläche. Ein Umbau liegt nach der Bilanz mit 150 kg/m² noch darunter.

Allein der Rechenweg der Gebäudewirtschaft setzt Neubau und Sanierung gleich. Er ist es, mit dem der Katalog die Großhebel darstellt.

Die Fläche passend gemacht

Die Prüfung im Katalog bestätigt die Zahl der Gebäudewirtschaft für Troisdorf mit dieser Begründung: Die 5.489 bis 9.149 t lägen „bei einer Bruttogrundfläche in der Größenordnung von 7.000 bis 11.000 m²“ im Bereich der üblichen Werte. Gerechnet ist der Neubau im selben Katalog aber mit 18.298 m².

Maßnahmenkatalog, PDF-S. 66 und 37.

Berufskolleg Troisdorf: Neubau statt Sanierung

Neubau „im mindestens KfW-40-Standard“, 2026 bis 2040, 110 bis 250 Mio. €. Gerechnet ist mit der Fläche des heutigen Gebäudes, 18.298 m².

Graue Emissionen bei 18.298 m², in Tonnen CO₂NeubauSanierungMehr durch Neubau
Rechenweg Gebäudewirtschaft (im Katalog)5.489–9.1495.489–9.1490
Rechenweg Prüfung im Katalog10.979–16.4685.489–8.2345.489–8.234
Rechenweg Treibhausgasbilanz10.0643.6606.404

Erste Zeile: Maßnahmenkatalog, Steckbrief 4.1, PDF-S. 65. Übrige Werte: eigene Rechnung, Fläche × Kennwert aus der Tabelle oben. Projektdaten: Maßnahmenkatalog PDF-S. 37 und 64 f.

Mehr eingespart, als das Gebäude ausstößt

Im Betrieb soll der Neubau nach dem Katalog 190,55 bis 357,27 t im Jahr einsparen, im Mittel 274 t. Das ganze Gebäude hat 2024 aber nur rund 250 t ausgestoßen. Mehr als seinen heutigen Ausstoß kann ein Ersatzneubau nicht einsparen.

Für die Komplettsanierung des Berufskollegs Siegburg im selben Standard rechnet der Katalog mit fast derselben Einsparung je Quadratmeter (271 t auf 17.179 m²). Dass ein Neubau im Betrieb mehr bringt als eine Sanierung, behauptet die Verwaltung also nicht einmal selbst.

Selbst wenn eine Sanierung nur die Hälfte dessen erreichte, was der Neubau im Betrieb einspart, bräuchte der Neubau 44 bis 66 Jahre, um seinen Mehrausstoß beim Bau wieder hereinzuholen. Fertig werden soll er 2040.

Einsparung: Maßnahmenkatalog PDF-S. 37 und 64 f.; Siegburg PDF-S. 37 und 68. Ausstoß 2024: eigene Umrechnung aus dem Gebäudesteckbrief (M 1887/25, Umweltausschuss 04.06.2025): Nahwärme 236,76 t, Strom 236.121 kWh mit dem Ökostromfaktor der Kreisbilanz (56 g/kWh) rund 13 t. Ausgleichszeit: eigene Rechnung mit der Mehrbelastung nach dem Rechenweg der Prüfung im Katalog und einem Betriebsvorteil von 125 t im Jahr.

Bis 2045 ein Minus

Der Katalog schreibt dem Neubau bis 2045 eine Einsparung von 1.370 t gut, zu rund 131.000 € je Tonne. Die Bilanz bucht im Jahr der Fertigstellung aber zugleich die grauen Emissionen des Neubaus. Zieht man sie ab, bleibt bis 2045 ein Mehrausstoß von 4.100 bis 15.100 t – je nach Rechenweg.

Maßnahmenkatalog PDF-S. 53 (1.370 t, 131.000 €/t); Treibhausgasbilanz 2024, PDF-S. 29 (Fertigstellungsprinzip). Saldo: eigene Rechnung.

Zum Vergleich: Die gesamte Kreisverwaltung stieß 2024 9.281 t aus.

Geld aus dem Klimaschutz-Topf

Aus dem Sondervermögen des Landes (NRW-Infrastrukturgesetz) hat der Kreistag am 02.07.2026 11.258.715,82 € aus dem Bereich „Sanierung von Liegenschaften sowie Maßnahmen des Klimaschutzes und der Nachhaltigkeit“ in den Bildungsbereich umgeschichtet. Für Klimaschutz und Sanierung blieben dort 1,5 Mio. €. Für „Sanierung / Neubau“ des Berufskollegs Troisdorf sind 42,76 Mio. € vorgesehen. Begründet hat die Verwaltung die Umschichtung so:

„Zwar führt der Neubau zu einer deutlichen energetischen Verbesserung und trägt zu den Zielen des Klimaschutzes und der Nachhaltigkeit bei, jedoch handelt es sich förderrechtlich nicht um eine energetische Sanierungsmaßnahme, sondern um einen Neubau.“
V 4840/26 (Finanzausschuss 25.06.2026), PDF-S. 5 f.; Maßnahmenliste V 4840/26/2; Beschluss Kreistag 02.07.2026, B.-Nr. 121/26

Und im Kleingedruckten

In der Bewertung desselben Steckbriefs, der den Neubau als Großhebel mit „hohem“ Potenzial führt, steht:

„Die Maßnahme ist bildungspolitisch begründet, der Klimaschutzbeitrag ist Nebeneffekt einer ohnehin erforderlichen Modernisierung.“ – „Die einmaligen Emissionen der Herstellung sind nicht Bestandteil der Konzernbilanz und bleiben hier unberücksichtigt.“
Maßnahmenkatalog, Steckbrief 4.1, PDF-S. 65 f.

Der zweite Satz widerspricht der Treibhausgasbilanz: Dort sind die Bauemissionen enthalten.

Für den Neubau kann es zwar Gründe geben, die mit dem Klima nichts zu tun haben, etwa Bausubstanz oder Schulbetrieb – eine Sanierung im laufenden Betrieb braucht Ausweichflächen. Selbst Container für ein Drittel der Fläche senken die Mehrbelastung aber nur von 6.400 auf rund 4.600 t (eigene Rechnung mit 300 kg/m² für Containerbau, Treibhausgasbilanz PDF-S. 30). Einen Vergleich von Neubau und Sanierung nach CO₂ enthält keine öffentliche Unterlage. Wer bildungspolitisch neu baut, kann das tun – er darf es nur nicht als Klimaschutz verbuchen. Mehr zu Kosten und Planungsstand: Steckbrief Berufskolleg Troisdorf in unserer Bauprojekte-Prüfung.

26.000 m² Neubau, CO₂ nicht beziffert

Gefahrenabwehrzentrum, Teilstandort der Vorgebirgsschule in Alfter und sieben Rettungswachen. Die Verwaltung stellt sie nicht als Klimaschutz dar – sie beziffert ihre grauen Emissionen aber auch gar nicht.

NeubauFlächeZeitraumBetrieb zusätzlichGraue Emissionen (eigene Rechnung)
Gefahrenabwehrzentrum11.650 m²2025–2033+158 t/Jahrrd. 6.400 t
Teilstandort Vorgebirgsschule Alfter4.496 m²2028–2035+61 t/Jahrrd. 2.500 t
Sieben Rettungswachen9.842 m²2027–2044+133 t/Jahrrd. 5.400 t
Zusammen25.988 m²+352 t/Jahrrd. 14.300 t

Fläche, Zeitraum, Betrieb: Maßnahmenkatalog PDF-S. 44 f. (Rettungswachen Sankt Augustin, Bornheim, Rheinbach, Meckenheim, Ruppichteroth, Wachtberg, Alfter; Summen eigene Rechnung). Mit dem wieder in Betrieb genommenen Bewegungsbad der Vorgebirgsschule nennt der Katalog 422 bis 472 t im Jahr. Graue Emissionen: eigene Rechnung mit dem Kennwert der Treibhausgasbilanz für Neubauten (550 kg/m²); mit der Spanne der übrigen Rechenwege 7.800 bis 23.400 t.

Diese Vorhaben „dienen der Daseinsvorsorge und stehen nicht zur Disposition“, schreibt die Verwaltung (PDF-S. 44). Das bestreitet hier niemand. Ob eine Wache neu gebaut, erweitert oder angemietet wird, ist aber eine Entscheidung mit Folgen fürs Klima – und einen solchen Vergleich nach CO₂ gibt es für keines dieser Vorhaben. Graue Emissionen von rund 14.300 t sind das Anderthalbfache der gesamten Startbilanz der Kreisverwaltung.

Wo die Bauemissionen in der Rechnung fehlen

In der Bilanz stehen sie. Dort, wo über Maßnahmen entschieden wird, fehlen sie.

Rechnung der VerwaltungGraue Emissionen enthalten?Fundstelle
Treibhausgasbilanz 2024ja, im Jahr der FertigstellungBilanz PDF-S. 29
Szenarien bis 2045neinKatalog PDF-S. 25
Referenzszenarionur pauschal: „verläuft waagerecht auf dem Niveau der Startbilanz 2024“Katalog PDF-S. 15
Betrieb der neuen Gebäudenein, „nachrichtlich ausgewiesen und nicht in den Szenariosummen enthalten“Katalog PDF-S. 7, 45
Kosten je eingesparter TonneneinKatalog PDF-S. 53
Bewertung „Potenzial“ der GroßhebelneinKatalog PDF-S. 65

Die Verwaltung begründet das so: Graue Energie falle „einmalig im Baujahr an. Einen einmaligen Betrag mit einem Dauerwert zu verrechnen, würde die Ergebnisse verzerren.“ Und sie räumt selbst ein:

„Da die Bauemissionen in der Bilanz enthalten sind, kann die Jahresbilanz in Jahren mit hohem Bauvolumen steigen, obwohl der Maßnahmenkatalog Minderungen ausweist.“
Maßnahmenkatalog, PDF-S. 25 und 26

Ein „Bauemissionspfad“, der die Vorhaben mit ihrem Zeitpunkt abbildet, wird erst „für die kommende Fortschreibung“ geprüft. Beschlossen werden soll der Katalog jetzt.

773 oder 1.106 Tonnen?

Selbst die Bilanz ist sich nicht einig. Die Bauprojekte des Jahres 2024 stehen in einer Tabelle mit 773 t, in einer anderen mit 1.106 t. Die Differenz von 333 t entspricht genau einem einzigen Vorhaben, dem Erweiterungsbau der Heinrich-Hanselmann-Schule.

Treibhausgasbilanz 2024, PDF-S. 12 und 30 (Tabelle 17); Abgleich eigene Rechnung.

Die Folge (unsere Schlussfolgerung): Die Bilanz wird in den nächsten Jahren springen. 2027 kommen zwei Rettungswachen hinzu, um 2033 das Gefahrenabwehrzentrum mit rund 6.400 t, 2040 der Neubau in Troisdorf mit 10.000 t und mehr – nach dem Kennwert der Bilanz. Jeder dieser Posten übertrifft den Bauposten von 2024 um ein Vielfaches. Die Szenarien zeigen davon nichts.

Es geht auch anders

Das Carl-Reuther-Berufskolleg in Hennef wurde 2020 kernsaniert und erweitert. Der Primärenergiebedarf sank nach Angabe des Kreises „von 392 auf 99 kWh/m²·a“, das sind „rund 75 Prozent Einsparung“. Für Wärme verbraucht das Gebäude heute rund 33 kWh je Quadratmeter – ein Drittel dessen, was das Berufskolleg Troisdorf braucht. Eine gute Sanierung erreicht im Betrieb also fast, was ein Neubau verspricht, und spart den größten Teil der grauen Emissionen.

Maßnahmenkatalog, PDF-S. 30; Wärmeverbrauch 2024 aus den Gebäudesteckbriefen (M 1887/25), je m² eigene Rechnung (Hennef 33, Troisdorf 95 kWh/m²).

Was daraus folgen muss

Unsere Bewertung. Klimaschutz heißt, den Ausstoß zu senken – nicht, ihn aus der Rechnung zu lassen.

Netto rechnen

Jede Bau- oder Sanierungsmaßnahme mit ihrer Einsparung im Betrieb abzüglich der grauen Emissionen. Was bis 2045 mehr ausstößt, als es einspart, ist kein Klimaschutz-Großhebel.

Ein Rechenweg

Die Kennwerte der eigenen Treibhausgasbilanz für alle Vorhaben – nicht einen Wert, der Neubau und Sanierung gleichsetzt.

Erst vergleichen, dann bauen

Vor jedem großen Grundsatzbeschluss Neubau, Sanierung und Weiternutzung des Bestands auch nach CO₂ vergleichen und dem Kreistag vorlegen.

Alle Bauten in die Szenarien

Die geplanten Neubauten mit ihren grauen Emissionen und ihrem Betrieb gehören in den Absenkpfad – bevor der Kreistag ihn beschließt, nicht erst in der nächsten Fortschreibung.

Alle Werte sind, wie bei der Verwaltung selbst, Rechnungen mit Durchschnittswerten je Quadratmeter; eine Ökobilanz für ein einzelnes Vorhaben hat der Kreis nicht vorgelegt. Mehr zum Haushalt 2027 und zum Fahrplan bis zum Beschluss am 14.12.2026: Haushalt 2027.

Diese Seite teilen